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Storytelling für Gastgeber – wie Orte Geschichten erzählen
Jedes Haus hat eine Geschichte.
Die meisten stehen bloß an der falschen Stelle: im Kopf der Hausleitung statt auf der Website.

Es gibt einen Moment, den fast jede Hausführung hat.
Man geht mit Gästen durch den Flur, bleibt vor einer Tür stehen, und dann kommt der Satz:
Das war früher die Waschküche. Als wir übernommen haben, standen hier noch die alten Kessel drin.
Die Gäste bleiben stehen. Sie fragen nach. Und beim Abendessen erzählen sie es weiter.
Genau dieser Satz bleibt im Flur. Und das ist die größte verschenkte Chance im Marketing von Gruppenhäusern.
Warum Geschichten hängenbleiben
Fakten werden verglichen. Geschichten werden erinnert.
„92 Betten in sechs Einheiten“ ist eine nützliche Information, die auf einer Liste steht.
Als wir das Haus übernommen haben, war der Speisesaal ein Heuboden.
Das ist ein Bild, das im Kopf bleibt.
Für die Entscheidung braucht eine Gruppe beides. Die Fakten klären, ob es passt. Die Geschichte klärt, ob man hinwill.
Wo die Geschichten liegen
Die meisten Häuser halten ihre eigene Geschichte für gewöhnlich. Meistens liegt das daran, dass sie ihnen zu selbstverständlich geworden ist.
Vier Stellen, an denen sich fast immer etwas findet:

Der Anfang.
Wie kam es dazu? Wer hat entschieden, aus diesem Gebäude ein Gruppenhaus zu machen? Was war es vorher?
Übernahmegeschichten, Umbaugeschichten, Familiengeschichten – sie tragen fast immer.
Die Räume.
Jedes Haus hat einen Raum mit Vorgeschichte. Kapelle, Stall, Werkstatt, Klassenzimmer.
Was dort früher passiert ist, macht ihn interessanter als jede Quadratmeterangabe.
Die Menschen.
Wer arbeitet seit Jahren hier? Was macht diese Person aus?
Der Hausmeister, der jeden Baum auf dem Gelände gepflanzt hat. Die Küchenleitung, die das Brot selbst backt.
Die Gäste.
Welche Gruppe kommt seit zwanzig Jahren wieder? Was ist einmal passiert, das alle noch erzählen?
Der Wintereinbruch, der eine Abreise um zwei Tage verschob und aus einem Seminar eine Legende machte.
Wie man sie aufschreibt
Der häufigste Fehler ist der feierliche Ton. Sobald eine Geschichte nach Broschüre klingt, verliert sie genau das, was sie beim Erzählen im Flur hatte.
Fünf Schritte, die dabei helfen.
1. Erst sprechen, dann schreiben
Die meisten Menschen erzählen besser, als sie formulieren. Nutzen Sie das.
Nehmen Sie Ihr Handy, starten Sie die Sprachaufnahme und erzählen Sie die Geschichte so, wie Sie sie einem Gast erzählen würden. Danach tippen Sie ab, was Sie gesagt haben. Der Rohtext steht dann schon, und er klingt bereits nach Ihnen.
Diese Reihenfolge spart die schwierigste Hürde: das leere Blatt.
2. Mit einem Moment beginnen, statt mit einer Einordnung
Der erste Satz entscheidet, ob weitergelesen wird.
Einordnung:
„Unser Haus blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück.“
Moment:
Als wir 2004 übernommen haben, standen im heutigen Speisesaal noch die Heuballen.
Beide Sätze enthalten dieselbe Information. Der zweite erzeugt ein Bild.

3. Konkret statt allgemein
Das hier bewirkt am meisten. Ersetzen Sie von den Phrasen, die so ziemlich überall passen würden, so viele wie sinnvoll durch solche, die ein Gefühl von Ihnen, Ihren Mitarbeitern und Ihrem Haus geben.
| Allgemein | Konkret |
|---|---|
| Wir legen Wert auf Regionalität. | Der Käse kommt vom Hof zweihundert Meter weiter, seit 2009. |
| Unser Team ist seit vielen Jahren dabei. | Andrea steht seit 2011 in der Küche und kennt die Essenswünsche der Stammgruppen auswendig. |
| Das Haus liegt idyllisch im Grünen. | Vom Seminarraum aus schauen Sie auf eine Streuobstwiese mit vierzig Bäumen. |
| Wir bieten eine familiäre Atmosphäre. | Beim Frühstück sitzen alle an einem Tisch. Das war schon so, als das Haus noch ein Pfarrhof war. |
Namen, Jahreszahlen, Mengen, Himmelsrichtungen – die Grenzen setzt nur die Vergangenheit …
4. Kürzen, aber später
Vier bis sechs Sätze reichen für eine Geschichte auf einer Website. Wer mehr braucht, erzählt meistens zwei.
Wichtig dabei: Kürzen ist ein eigener Arbeitsgang. Schreiben Sie den Rohtext so lang, wie er wird, und streichen Sie erst am nächsten Tag. Beides gleichzeitig zu tun bremst die meisten Menschen aus.
5. Laut lesen
Der letzte Durchgang. Lesen Sie den Text laut vor, am besten jemandem, der ihn nicht kennt.
Gut zu wissen: Wenn Sie beim Vorlesen an einer Stelle stolpern, stolpert der Leser dort auch.
Und ein Wort zum ersten Entwurf
Er darf holprig sein.
Fast alle, die damit anfangen, bleiben an einer von zwei Stellen hängen: Entweder ist das Schreiben außerhalb der gewöhnlichen Geschäftspost ungewohnt und jeder Satz kostet Überwindung. Oder der Text klingt einfach noch zu wenig gut, und man beginnt zum vierten Mal von vorn.
In beiden Fällen hilft dasselbe: Legen Sie den Text nach dem ersten Durchgang weg und schauen Sie zwei Tage später wieder drauf. Was dann noch stört, ist meistens schnell behoben. Und was Sie am ersten Tag für misslungen hielten, liest sich häufig besser als erinnert.
Wo sie hingehören
Verteilt statt gesammelt. Eine eigene Seite „Unsere Geschichte“ erreicht wenige.
Wirksamer sind kleine Einschübe an den Stellen, wo ohnehin gelesen wird: zwei Sätze zur Herkunft des Raums bei der Raumbeschreibung. Ein Satz über die Küchenleitung bei der Verpflegung. Ein Bild vom alten Zustand neben dem Bild vom neuen.

Auf Social Media funktioniert dasselbe im Kleinen. Ein Foto vom Nussbaum und drei Sätze dazu, warum er da steht, erreichen mehr Menschen als jede Ausstattungsübersicht.
Ein Test, der Ihre Geschichte findet
Falls Sie unsicher sind, womit Sie überhaupt anfangen sollen, gibt es eine einfache Übung. Sie dauert fünf Minuten.
Wichtig dabei ist die Zuhörerin oder der Zuhörer. Es sollte jemand sein, der noch nie vor Ort war – sonst überspringen Sie beim Erzählen automatisch alles, was diese Person ohnehin kennt, und genau das ist der interessante Teil.
Im Umfeld findet sich so jemand selten. Nachbarn, Familie und Freunde waren längst da. Gut geeignet sind stattdessen: eine ehemalige Kollegin aus einem früheren Job, jemand aus einem Verein oder Netzwerk in einer anderen Region, ein Bekannter, der weit genug weg wohnt.
Ein Telefonat reicht dafür völlig.
So geht es:
- Rufen Sie diese Person an und bitten Sie um zwei Minuten Zuhören.
- Lassen Sie die Sprachaufnahme Ihres Handys mitlaufen.
- Erzählen Sie frei von Ihrem Haus. Ohne Notizen, ohne Vorbereitung.
- Legen Sie auf und lassen Sie die Aufnahme bis zum nächsten Tag liegen.
Und falls sich spontan jemand schwer finden lässt: Es funktioniert auch allein. Sprechen Sie ins Handy, als säße jemand vor Ihnen, der zum ersten Mal von dem Haus hört. Etwas Überwindung kostet das, das Ergebnis ist aber fast dasselbe.
Und dann das Entscheidende: Hören Sie sich die Aufnahme am nächsten Tag an und achten Sie auf eine einzige Sache – womit Sie angefangen haben.
Denn unter Zeitdruck erzählt jeder Mensch zuerst das, was ihm am wichtigsten ist. Bei dem einen ist es der Umbau. Bei der anderen die Lage. Bei einem Dritten die Küche oder die Stammgruppe, die seit zwanzig Jahren kommt.
Was Sie zuerst gesagt haben, gehört auf Ihre Startseite. Es war die ganze Zeit da, nur eben ungeschrieben.
Fazit
Gute Geschichten entstehen selten neu. Sie werden meistens nur endlich aufgeschrieben.
Wie lange das dauert, hängt stark davon ab, wie sehr Ihnen diese Art des Schreibens liegt. Das kann von zwei Stunden bis zu ein paar Wochen reichen.
Doch lassen Sie sich nicht entmutigen. In jedem von uns lebt ein Geschichtenerzähler – bestimmt.

